Viele Deutsche, vermutlich die Mehrheit, empfindet Sympathie für die Tibeter, ihre Kultur – und insbesondere für ihren obersten Repräsentanten den Dalai Lama. Das gilt auch angesichts der blutigen Demonstrationen in Tibet. Um so erstaunlicher ist, wie bedacht die meisten öffentlichen Reaktionen sind. Weder die Bundesregierung, noch namhafte Politiker oder die Vertreter des Sports fordern das, was angesichts der in Peking Anfang August anstehenden Olympischen Spielen das nächstliegende zu sein scheint: Ihren Boykott. Das nämlich war die westliche Reaktion gegenüber Moskau, als es 1980 seine Soldaten nach Afghanistan schickte. Aber vielleicht trägt die Erinnerung an die Folgen dieser Entscheidung dazu bei, dass die Verantwortlichen diesmal anders reagieren. Der Boykott vertiefte die Gräben zwischen West und Ost, hatte aber keinen Einfluss auf die Entwicklung in Afghanistan. Dort mussten die sowjetischen Soldaten so lange kämpfen, bis sich eine neue Führung in Moskau 1989 eines Besseren besann. Der Boykott aber bewirkte nichts.
Aber nicht nur diese Erfahrung spricht gegen eine Wiederholung. Gewichtige Argumente kommen hinzu: Das ist zum einen die Erkenntnis, dass gerade die anstehenden Olympischen Spiele China ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken. Das aber ist das stärkste Argument für Peking, möglichst keine negativen Schlagzeilen zu produzieren. Ein politischer Gesichtsverlust wäre für Chinas Führung so ziemlich das Schlimmste, was ihr passieren könnte. Schließlich sollen die Spiele Pekings Ansehen weltweit mehren. Auch hat China kein Interesse an einer Verschlechterung seiner Beziehungen zum Westen.
Das gilt freilich auch umgekehrt: China ist als Markt, als Produzent, vor allem aber als Finanzplatz für den Westen von größter Bedeutung. Das gilt insbesondere für Amerika; nicht zuletzt deshalb, weil die Bank of China einen Großteil seiner erheblichen Devisenreserven in amerikanischen Dollar hält und mehr amerikanische Staatsanleihen besitzen dürfte, als irgend ein anderer Staat. Auch nur einen Teil davon in Umlauf zu bringen würde genügen, um den ohnehin schwachen Dollar abstürzen zu lassen. Gut, dass daran auch Peking so lange kein Interesse haben kann, wie die Beziehungen zu Washington in geordneten Bahnen verlaufen. All das will bedacht sein. Ein Verzicht auf einen Boykott ist somit nicht nur im Interesse der Tibeter, sondern aller Beteiligter.

Karl Feldmeyer



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Kommentare


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8 Kommentare


  1. gladstone am 19 März, 2008 10:59
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    Diese Abhängigkeit von China ist wohl heute und in Zukunft eine der ganz großen Gefahren für die westliche Welt. Es ist wohl der richtige Weg Indien nach und nach als politisches und wirtschaftliches Gegengewicht aufzubauen.

  2. Bauer Gerhard am 19 März, 2008 17:09
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    Das mit 1980 ist schon richtig, heute stehen wir in Afghanistan.
    China wird nicht boykottiert, da zuviel Geld auf dem Spiel steht. Die UdSSR war der Feind, China ist der Geschäftspartner.

  3. Bauer Gerhard am 19 März, 2008 17:10
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    Indien wird von den USA auch militärisch aufgebaut. Die aggressive Militärpolitik der USA wird sich noch bitter rächen.

  4. Ralf Paulsen am 20 März, 2008 12:53
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    Also für was brauchen wir dann die Menschenrechte ? Nach dem Motto, aus Erfahrung wissen wir das es nichts bringt sich dafür einzusetzten, also lassen wir es dann lieber gleich, was bringen uns die Tibeter? Tolle Anschauung, damit wird unsere Zukunft mit Sicherheit nicht besser. Wie nennt man eigentlich solch eine Haltung ?

  5. gladstone am 20 März, 2008 18:00
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    Ralf Paulsen:
    Das Problem ist doch, dass überhaupt nicht erkennbar ist, dass die Staatengemeinschaft irgendeinen Einfluss auf die chinesische Führung besitzt. Das ist anders als bei den meisten anderen Diktatoren dieser Welt, auf die wenigstens ökonomisch ein gewisser Druck ausgeübt werden kann. Im Falle China ist das umgekehrt. Jetzt zeigt sich, dass der Westen und die Weltwirtschaft inzwischen in eine gefährliche Abhängigkeit des fernöstlichen Giganten geraten ist. Unter diesen Bedingungen sind unsere Handlungsspielräume sehr klein.
    Uns aus dieser Abhängigkeit zu lösen oder wenigstens nicht weiter darin zu verfangen ist sicherlich eine der großen Aufgaben unserer Handels- und Außenpolitik.

  6. Harald am 21 März, 2008 19:35
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    Die Einschätzung,China sei in seinem Verhalten von außen nicht zu beeinflussen, bezweifle ich. Die weitere Entwicklung könnte dies bestätigen. Peking hat ein sehr großes Interesse daran, dass die olympischen Spiele zu einem Prestigegewinn für China führen. Das ist aus Sicht der Politiker ja ihr eigentlicher Zweck. Dafür werden Milliarden investiert. Peking muss deshalb versuchen alles zu tun, um eine weitere Eskalation zu vermeiden, statt mit Feuer und Schwert gegen die Tibeter vorzugehen.Der Ansehensverlust ist schon jetzt beträchtlich, eine weitere Steigerung muss China vermeiden wollen. Warten wir ab, ob es bereit ist auf das Gesprächsangebot des Dalai Lama einzugehen.

  7. nicht notwendig am 24 März, 2008 05:31
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    Sauber.Mann.

  8. V.Rossner am 17 April, 2008 18:36
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    China,Tibet und wir.Es reicht nun. Wir sind ja so klug und können allen anderen Ländern, in denen es nach unserer Auffassung keine Demokratie gibt Hinweise für ihre Innenpolitik geben. Wir haben im Lande so viel Schmutz, dass ich mich schon schäme, zu sagen woher ich komme. Hunger, Kinderarmut,10 Mio ohne Arbeit,Hass gegen die Alten wird täglich sehr motiviert geschürt,Kindestötungen, Betrug,Unmoral,mit Einbruch der Dunkelheit traut sich der ältere Mensch nicht auf die Straße. Noch mehr Beispiele?! Frau Merkel sollte sich stärker um die Innenpolitik kümmern. Reisen ist aber schöner als regieren! V.Rossner

  9. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------

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  • Zur Person

      Karl Feldmeyer wurde am 30.11. 1938 in Mindelheim in Bayern ge- boren und studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Er arbeitete von 1970 bis 2005 als politischer Redakteur und Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bonn und Berlin und engagierte sich als Journalist für die Wiederverei- nigung, den Rechtsstaat und die Demokratie . Für seine journalisti- schen Leistungen erhielt er zweimal den Theodor-Wolff-Preis des Ver- bandes Deutscher Zeitungsverleger. Seit dem Februar 2008 kommentiert Karl Feldmeyer in diesem Blog die aktuelle politische Lage in der Bundesrepublik Deutschland.