Am Sonntag,, dem Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944, fand in Berlin, wie es inzwischen guter Brauch geworden ist, das öffentliche Treuegelöbnis von Rekruten der Bundeswehr  statt. Das ist nun schon Routine , ebenso wie die obligatorischen Demonstationen  dagegen. Neu ist, dass das Ereignis nicht im Bendlerblock statt fand, wo Stauffenberg und drei seiner Mitverschworenen noch in der gleichen Nacht erschossen wurden, sondern vor dem Westportal des Reichstagsgebäudes. Es war – soviel vorab -  ein schönes Bild, das von den Demonstranten diesmal nicht gestört wurde, weil sie es nicht stören konnten. Die Polizei hatte weiträumig abgesperrt.

Interessanter als das Bild, das die Bundeswehr bot, war jedoch  jenes, das die Politik bot. Es war aufschlussreich und peinlich – für viele Beteiligte. Festzuhalten ist zunächst, dass die Verlegung der Zeremonie vor das Reichstagsgebäude gar nicht zustande gekommen wäre, hätte es nicht die Berliner Zeitungen gegeben, die von den  ablehnenden Reaktionen berichteten, die das Ansinnen des Verteidigungsministers, die Vereidigung vor dem Reichstagsgebäude stattfinden zu lassen, zunächst auslösten. Weder im Roten Rathaus gab es Unterstützung noch aus der Bundesregierung, so dass die Bundeswehr schon umgeplant hatte, als die öffentliche Präsentation ihrer Verweigerung den Politikern doch so peinlich wurde, dass sie umschwenkten. Am Schluß konnte auch der für die Benutzungserlaubnis des Rasens vor dem Reichstagsgebäude zuständige Behördenleiter nicht mehr anders, als sein Argument fallen zu lassen, eine Nutzung durch die Bundeswehr sei nicht möglich, weil dies dem Rasen schade. Dass diese Begründung  als  Dreistigkeit und Beleidigung der Bundeswehr gedacht war, der er damit zeigen wollte, wie groß die Verachtung und Ablehnung  in Berlins Stadtregierung für sie ist, sei nur am Rande festgehalten, denn wie das rot/rote politische Berlin über das  eigene Militär denkt, weiß man ohnehin.

Pikanter ist da schon, dass es den Journalisten gelang, festzustellen, wer an politischer Prominenz seine Teilnahme zugesagt hatte. Außer dem ehemaligen Verteidigungsminister Scharping lag  keine Zusage vor. Aber nun, nachdem die Presseberichte Aufsehen erregt hatten, fanden es etliche Politiker dann doch zu riskant, durch Abwesenheit aufzufallen – und so disponierten sie um. Allen voran die Bundeskanzlerin, die mit mürrischem Gesicht die Front abschritt. Sie hatte sich erst in letzter Minute  zur  Teilnahme entschlossen und den für Sonntag geplanten Flug nach Kiew auf Montag verschoben. Und weil Merkel da war, wollte Steinmeier nicht fehlen, denn der nächste Wahlkampf kommt gewiss.  So saß auch er in der ersten Reihe, lächelnd, wie es seine Art ist. Und auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Kauder  wollte nun nicht fehlen., während die “Prominenz” der Oppositionsparteien  der Bundeswehr ihre Teilnahme ersparte. Ohne das von den Journalisten erzeugte öffentliche Aufsehen wäre außer Verteidigungsminister Jung, der sich von Amtswegen nicht drücken konnte,  niemand da gewesen und der 89jährige Helmut Schmidt hätte seine eindrucksvolle Rede an die Rekruten – und eben nur an die Rekruten -richten müssen.  So aber wurde zweierlei überdeutlich: Erstens: Es  gibt unter den heute aktiven Politikern keinen von Schmidts Format und Ausstrahlung und auch keinen, der eine innere Beziehung zur Bundeswehr hat. Zweitens: Den Herren und Damen von heute ist die Bundeswehr schnurz. Es sind Leute, die zu dem Staat, den sie repräsentieren, keine emotionale Beziehung haben und die ihm gleichgültig oder  skeptisch distanziert gegenüberstehen.

So gesehen ist es eigentlich schade, dass sie dies durch ihre Schein-Teilnahme zu vertuschen versuchten. Es wäre viel ehrlicher gewesen , wenn sie ihre  Gleichgültigkeit so offen  bekannt hätten, wie Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit es tat, in dem er wegblieb. Im übrigen: Es hat ihn niemand vermisst.



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Kommentare


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5 Kommentare


  1. Nicole Damme, Potsdam am 23 Juli, 2008 15:57
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    Was Wunder, dass die “normalen” Bürger dieses Landes sich nicht mit ihrem Land identifizierenür und sich also auch nicht wirklich engagieren, wenn es nicht einmal deren politische Repräsentanten tun. Das ist doch alles nur konsequent. Konsequent dumm, schlecht und traurig.

  2. Justus am 24 Juli, 2008 17:31
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    Was sind das für politische Eliten, die uns regieren!
    Sie sagen: Deutsachland wird am Hindukusch verteidigt.
    Sie stolzieren auf roten Teppichen vor Wachkompanien der halben Welt herum und zwar auf unsere Kosten. Sie prahlen damit, dass unsere Soldaten den Weltfrieden retten. Zur Vereidigungsfeier der jungen Leute können sie aber nicht kommen, weil sie lieber in den Urlaub fahren wollen.
    Altkanzler Schmidt habe ich nie gewählt. Jetzt bedaure ich das.

  3. Südwald am 2 September, 2008 21:24
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    Außer Stauffenberg bereuten die meisten Mitverschwörer ihre Tat.

  4. Jupp am 4 September, 2008 21:40
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    Re: Südwald

    Ihre Aussage ist eine Verhöhnung der Widerständler!

    „Wir haben diese Tat auf uns genommen, um Deutschland vor einem namenlosen Elend zu bewahren. Ich bin mir klar, daß ich daraufhin gehängt werde, bereue meine Tat aber nicht und hoffe, daß sie ein anderer in einem glücklicheren Moment durchführen wird.“

    Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg wurde noch am Tag des Urteils im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee erhängt.

  5. Jupp am 4 September, 2008 21:44
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    Re: Südwald

    Ihre Aussage ist eine Verhöhnung der Widerständler!

    Alexis von Roenne hat sich zwar am Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 aufgrund christlicher Gewissensbedenken nicht beteiligt, hatte aber Kenntnis davon durch die freundschaftlichen Verbindungen, die ihn mit den Führern des Widerstandes verbanden. Er wurde unmittelbar nach dem 20. Juli festgenommen, dann zunächst wieder freigelassen. Zwei Wochen später wurde A. von Roenne endgültig verhaftet. Die ihm vor seiner Verhaftung gebotene Möglichkeit, bei der französischen Résistance unterzutauchen, lehnte er mit den Worten ab, „ein preussischer Offizier bricht nicht seinen Eid“, wohl wissend, dass diese Entscheidung seinen Tod bedeuten würde.

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      Karl Feldmeyer wurde am 30.11. 1938 in Mindelheim in Bayern ge- boren und studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Er arbeitete von 1970 bis 2005 als politischer Redakteur und Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bonn und Berlin und engagierte sich als Journalist für die Wiederverei- nigung, den Rechtsstaat und die Demokratie . Für seine journalisti- schen Leistungen erhielt er zweimal den Theodor-Wolff-Preis des Ver- bandes Deutscher Zeitungsverleger. Seit dem Februar 2008 kommentiert Karl Feldmeyer in diesem Blog die aktuelle politische Lage in der Bundesrepublik Deutschland.